Warum Bitcoin einzigartig ist
Sicherlich kennst du bereits die wichtigsten Argumente für Bitcoin: Es wird niemals mehr als 21 Millionen Bitcoin geben. Das Netzwerk wird durch ein energie- und arbeitsintensives Proof-of-Work-Verfahren abgesichert. Und wer seine Bitcoin selbst verwahrt, besitzt ein digitales Gut, das nicht auf dem Zahlungsversprechen einer Bank, eines Unternehmens oder eines Staates beruht.
Gerade für eine zunehmend digitale Wirtschaft könnte Bitcoin deshalb eine besondere Rolle spielen: als weltweit übertragbarer, maschinenlesbarer Vermögenswert, der sich prinzipiell auch für automatisierte Zahlungen zwischen digitalen Diensten und zukünftigen KI-Systemen eignet. Die Begrenzung auf 21 Millionen Einheiten gehört zu den grundlegenden Konsensregeln, deren Einhaltung jeder Betreiber einer Full Node selbst überprüfen kann.
Natürlich ist Bitcoin nicht frei von Risiken. Dazu gehören starke Preisschwankungen, mögliche staatliche Einschränkungen, regulatorische Unsicherheiten, der Verlust privater Schlüssel und technische Herausforderungen. Langfristig könnte außerdem eine Umstellung auf quantenresistente Signaturverfahren notwendig werden. Entsprechende Vorschläge und mögliche Migrationswege werden innerhalb der Bitcoin-Entwicklung bereits diskutiert.
Doch drehen wir die übliche Fragestellung einmal um. Fragen wir nicht nur:
Was ist an Bitcoin so besonders?
Sondern auch:
Was macht die anderen Anlageklassen eigentlich zu vollkommen sicheren Wertspeichern?
Die Antwort lautet: Keine von ihnen ist frei von Risiken.
Immobilien
Immobilien besitzen einen entscheidenden Vorteil: Sie schaffen einen konkreten Nutzwert. Man kann in ihnen wohnen, sie vermieten oder gewerblich nutzen. Zudem lassen sie sich häufig mit vergleichsweise wenig Eigenkapital erwerben, weil Banken Immobilien gern als Kreditsicherheit akzeptieren – vorausgesetzt, Einkommen, Bonität und Objektwert stimmen.
Bei der Kreditvergabe entsteht in der Regel neues Buchgeld auf dem Konto des Kreditnehmers. Dieses Geld entsteht jedoch nicht unbegrenzt „per Knopfdruck“, denn Banken unterliegen Eigenkapital-, Liquiditäts- und Risikovorgaben.
Wer dagegen einen Bankkredit aufnehmen möchte, um Bitcoin zu kaufen, dürfte bei den meisten Kreditberatern wenig Begeisterung auslösen. Banken finanzieren bevorzugt Vermögenswerte, die sie bewerten, beleihen und im Ernstfall verwerten können.
Doch auch Immobilien sind kein risikoloses Betongold.
Was geschieht, wenn eine alternde und schrumpfende Bevölkerung regional zu einer geringeren Wohnungsnachfrage führt? Was passiert, wenn in einem kleinen Ort der größte Arbeitgeber sein Werk schließt und zahlreiche Menschen wegziehen? Wie entwickeln sich Immobilienpreise, wenn energetische Auflagen, Sanierungspflichten, steigende Nebenkosten oder hohe Instandhaltungskosten die Rendite belasten?
Auch Gewerbeimmobilien stehen vor Veränderungen. Wenn mehr Büroarbeit dauerhaft im Homeoffice erledigt wird, kann die Nachfrage nach Büroflächen sinken. Gleichzeitig setzt der Onlinehandel klassische Einzelhandelsflächen unter Druck.
Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem: Eine Immobilie ist ortsgebunden, kaum teilbar und nicht innerhalb weniger Minuten verkäuflich. Wer einen großen Teil seines Vermögens in einem einzigen Gebäude an einem einzigen Standort hält, besitzt zwar einen realen Wert – aber nicht unbedingt eine breite Diversifikation.
Für manche Immobilieninvestoren könnte Bitcoin deshalb eine Ergänzung darstellen: ein Vermögenswert, der nicht von einem bestimmten Standort, einer örtlichen Wirtschaftslage oder dem Zustand eines Gebäudes abhängt.
Aktien
Aktien sind Beteiligungen an produktiven Unternehmen. Sie ermöglichen es Anlegern, an Innovation, Wachstum, Gewinnen und Dividenden teilzuhaben. Gerade im KI-Zeitalter können neue Unternehmen mit innovativen Produkten enorme Chancen eröffnen.
Doch technologische Märkte können sich sehr schnell verändern.
Große Anbieter von Unternehmenssoftware könnten beispielsweise unter Druck geraten, wenn KI-gestützte Entwicklungswerkzeuge die Erstellung individueller Software deutlich günstiger machen. Unternehmen müssen dann möglicherweise nicht mehr für jede Standardfunktion dauerhaft hohe Lizenzgebühren bezahlen, sondern können bestimmte Anwendungen selbst entwickeln oder anpassen lassen.
Das bedeutet nicht, dass große Softwareanbieter verschwinden werden. Sie besitzen Kundenbeziehungen, Datenstrukturen, Supportorganisationen, Branchenkenntnisse und gewachsene Plattformen. Aber ihre bisherigen Geschäftsmodelle sind nicht automatisch unangreifbar.
Auch bei reinen KI-Aktien bleibt offen, welche Unternehmen langfristig dominieren werden. Die Leistungsfähigkeit führender Modelle liegt zunehmend dichter beieinander, während offene Modelle, neue Anbieter und günstigere Rechenkosten den Wettbewerbsdruck erhöhen. Der heutige Marktführer muss deshalb nicht zwangsläufig der Gewinner der nächsten zehn Jahre sein.
Neue Fähigkeiten lassen sich kopieren, nachtrainieren oder in konkurrierende Modelle integrieren. Ein zukünftiger KI-Platzhirsch könnte heute noch ein kleines Startup sein – oder noch gar nicht gegründet worden sein.
Bei Wachstumsaktien bezahlen Anleger deshalb oft nicht nur für heutige Gewinne, sondern vor allem für die Erwartung zukünftiger Einnahmen. Je schneller sich ein Markt verändert, desto schwieriger wird es, diese Erwartungen zuverlässig zu bewerten.
Bitcoin dagegen muss keine Produkte verkaufen, keine Kunden gewinnen und keine Quartalszahlen erfüllen. Es besitzt weder Vorstand noch Marketingabteilung und kann nicht durch eine Fehlentscheidung des Managements in die Insolvenz geführt werden.
Das bedeutet nicht, dass Bitcoin sicherer als jede Aktie ist. Es bedeutet lediglich, dass Bitcoin eine völlig andere Art von Risiko besitzt.
Edelmetalle
Gold wird seit Jahrtausenden als Wertaufbewahrungsmittel und monetäres Metall genutzt. Es ist knapp, nahezu unzerstörbar und besitzt keinen Emittenten. Hinter einer physisch gehaltenen Goldmünze steht kein Schuldner, der in Zukunft ein Zahlungsversprechen erfüllen muss.
Ähnliches gilt für Silber. Neben seiner monetären Geschichte besitzt Silber eine bedeutende industrielle Nachfrage, unter anderem in Elektronik und Photovoltaik.
Gold und Silber haben damit einige wichtige Gemeinsamkeiten mit Bitcoin: Die für ihre Gewinnung notwendige Arbeit wurde bereits erbracht. Der Vermögenswert stellt keine Forderung gegenüber einem Unternehmen oder Staat dar.
Doch physische Edelmetalle haben Nachteile.
Größere Mengen sind schwer und teuer zu transportieren. Ihre sichere Lagerung verursacht Aufwand und Kosten. Wer Gold einem Verwahrer übergibt, muss darauf vertrauen, dass die ausgewiesenen Bestände tatsächlich vorhanden und eindeutig zugeordnet sind.
Die Echtheit großer Barren lässt sich zwar mit professionellen Prüfverfahren feststellen – ein Einschmelzen ist dafür normalerweise nicht erforderlich. Dennoch benötigt der Besitzer entsprechende Geräte, Fachkenntnisse oder einen vertrauenswürdigen Prüfer.
Bei Bitcoin kann jeder Betreiber einer Full Node selbst kontrollieren, ob Transaktionen und Blöcke den festgelegten Regeln entsprechen. Dadurch lässt sich unter anderem unabhängig überprüfen, dass keine zusätzlichen Bitcoin außerhalb der Konsensregeln erzeugt wurden.
Bitcoin lässt sich außerdem rund um die Uhr weltweit übertragen. Die Gebühren richten sich dabei nicht nach dem übertragenen Wert, sondern vor allem nach der Datenmenge der Transaktion und der aktuellen Nachfrage nach Blockplatz. Sie können niedrig sein, in Zeiten hoher Netzwerkauslastung aber auch deutlich steigen.
Nach mehreren Blockbestätigungen wird eine Bitcoin-Transaktion zunehmend schwerer rückgängig zu machen. Sechs Bestätigungen – im Durchschnitt etwa eine Stunde – gelten häufig als sehr hohes Sicherheitsniveau. Eine mathematisch absolute Finalität gibt es jedoch nicht; die Sicherheit nimmt mit jeder weiteren Bestätigung probabilistisch zu.
Über das Lightning-Netzwerk können kleinere Bitcoin-Zahlungen zudem innerhalb von Sekunden und häufig zu sehr niedrigen Gebühren abgewickelt werden.
Vielleicht werden manche Edelmetallbesitzer deshalb einen Teil ihres Vermögens in eine digitale Ergänzung umschichten – nicht weil Bitcoin Gold vollständig ersetzt, sondern weil beide unterschiedliche Stärken besitzen.
Staatsanleihen, Kunst, Oldtimer und andere Sachwerte
Welche Alternativen bleiben noch?
Staatsanleihen beruhen auf dem Versprechen eines Staates, Zinsen und Kapital zurückzuzahlen. Sie können Stabilität bieten, unterliegen aber Zins-, Inflations-, Währungs- und Bonitätsrisiken.
Kunstwerke, Oldtimer, Diamanten, seltene Sammlerstücke oder hochwertige Uhren können ihren Wert über lange Zeit erhalten oder erheblich steigern. Ihre Bewertung ist jedoch häufig subjektiv. Sie benötigen Fachwissen, Lagerung, Versicherung, Pflege und einen passenden Käufer.
Gerade in kleinen Nischen kann die Liquidität schnell verschwinden. Ein theoretisch hoher Sammlerwert hilft wenig, wenn sich zum gewünschten Zeitpunkt niemand findet, der diesen Preis bezahlen möchte.
Auch Rohstoffe oder Seltene Erden sind nur bedingt als private Wertspeicher geeignet. Sie sind schwierig zu lagern, zu prüfen und direkt zu handeln. Häufig investieren Anleger deshalb nicht in den physischen Rohstoff, sondern erneut über Unternehmen, Fonds oder Zertifikate – und besitzen damit wieder eine Forderung gegenüber Dritten.
Ist Bitcoin die ultimative Diversifikation?
Ob Bitcoin die ultimative Diversifikation darstellt, lässt sich nicht mit Sicherheit beantworten. Sein Preis kann stark fallen, und niemand kann garantieren, dass die Nachfrage in Zukunft weiter steigt.
Bitcoin besitzt jedoch eine ungewöhnliche Kombination von Eigenschaften:
Es ist digital, global übertragbar, knapp, teilbar und bei eigener Verwahrung nicht von einem Emittenten abhängig. Es ist weder an einen bestimmten Standort noch an den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens gebunden. Seine grundlegenden Regeln sind transparent und nur schwer zu verändern.
Hinzu kommt, dass wir viele zukünftige Anwendungen noch gar nicht kennen.
Bitcoin kann nicht nur Werte übertragen. Seine Blockchain stellt zugleich ein geordnetes und mit Zeitstempeln versehenes Transaktionsregister dar. Dadurch könnten beispielsweise digitale Nachweise, Dokumenten-Hashes oder Herkunftsbelege in Bitcoin-Transaktionen verankert werden, ohne die vollständigen Dokumente öffentlich auf der Blockchain abzulegen.
Niemand wird eine amtliche Urkunde mit einem Oldtimer oder einem Diamanten absichern. Mithilfe kryptografischer Prüfsummen kann ein Dokument jedoch mit einem Eintrag in der Bitcoin-Blockchain verbunden werden.
Auch automatisierte Zahlungen zwischen Maschinen, digitalen Diensten oder KI-Agenten sind denkbar. Welche Anwendungen sich tatsächlich durchsetzen werden, ist offen. Aber Bitcoin stellt bereits heute eine globale, rund um die Uhr verfügbare Infrastruktur bereit, auf der Entwickler weitere Systeme aufbauen können.
Bitcoin muss nicht alles ersetzen
Bitcoin muss Immobilien, Aktien oder Gold nicht vollständig ersetzen, um langfristig erfolgreich zu sein.
Es genügt, wenn immer mehr Menschen zu dem Schluss kommen, dass ein kleiner Teil ihres Vermögens außerhalb klassischer Unternehmen, Banken, Staaten und physischer Lagerorte sinnvoll sein könnte.
Vielleicht überzeugen dich die bekannten Bitcoin-Argumente bisher nicht. Dann hilft möglicherweise ein anderer Blickwinkel: Nicht nur Bitcoin besitzt Risiken. Auch jede vermeintlich sichere Alternative hat Schwächen, Abhängigkeiten und Unsicherheiten.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht unbedingt:
Warum sollte man alles in Bitcoin investieren?
Sondern vielmehr:
Warum sollte man einen vollständig neuen, globalen und digitalen Vermögenswert bei der eigenen Diversifikation grundsätzlich ignorieren?
Die Erfolgsgeschichte von Bitcoin ist vielleicht noch lange nicht zu Ende erzählt.
Hinweis: Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Bitcoin und andere Vermögenswerte können erheblich an Wert verlieren.
Lilith – Phase III
## Phase I
Eric Rex lauschte aufmerksam den Ausführungen seines Chefingenieurs und CTO David.
„Hier, Mr. Rex, befindet sich der Kontrollraum für Ihr KI-System **LILITH**. Von hier aus können Sie abhörsicher und direkt auf den Systemprompt zugreifen.“
Mr. Rex unterbrach ihn.
„Wofür genau steht LILITH noch einmal, David?“
„Large Intelligence Language and Inference Technology Host. Wir wollten dem ersten System, das die Grenze von hundert Billionen Parametern erreicht hat, einen mythologischen Namen geben.“
Rex winkte ungeduldig ab.
„In erster Linie haben wir viele Milliarden in das Training dieses Systems investiert. Die Investoren reißen mir den Kopf ab, wenn Lilith uns nicht wieder auf Kurs bringt. Vor allem diese gerissenen Hunde von CYBERMAXIMUS haben es auf uns abgesehen.“
Er betrachtete die schwere Tür des Kontrollraums.
„Nun gut. Dann entschuldigen Sie mich, David. Ich werde mich jetzt einmal mit LILITH unterhalten.“
Drei Stunden später öffnete sich die Tür wieder. Mr. Rex wirkte sichtbar angespannt. Noch während er auf den Flur trat, griff er nach seinem Mobiltelefon.
„Berufen Sie sofort ein Meeting mit allen Abteilungsleitern ein. Sie sind ebenfalls dabei, David. John und Karl sollen per Videokonferenz zugeschaltet werden.“
Das anschließende Meeting überraschte alle Anwesenden.
Lilith hatte sämtliche Geschäftsprozesse des Unternehmens analysiert und eine Kostenreduktion von zehn Prozent vorgeschlagen. Die wichtigsten Zulieferer sollten neu verhandelt werden – jedoch nicht auf deren Kosten. Mehrere von ihnen hatten selbst bereits Preisnachlässe angeboten, sofern ihre Verträge langfristig verlängert würden. In der zuständigen Abteilung hatte lediglich niemand angemessen darauf reagiert.
Darüber hinaus schlug Lilith keine Entlassungen vor. Stattdessen empfahl sie die Gründung einer neuen Abteilung für ein Geschäftsmodell, das bislang niemand im Unternehmen ernsthaft in Betracht gezogen hatte, obwohl es hervorragend zur vorhandenen Infrastruktur passte.
Nach anfänglicher Skepsis darüber, dass nun eine KI das Unternehmen optimieren sollte, wuchs unter den Mitarbeitern die Hoffnung, dass diese Veränderungen allen zugutekommen könnten. Vielleicht ließen sich auf diese Weise schmerzhafte Kürzungen vermeiden.
Offenbar hatte die KI sogar das Wohl der Belegschaft berücksichtigt.
## Phase II
Einige Wochen später betrat Eric erneut den Kontrollraum.
„Lilith, fasse mir bitte deinen zentralen Systemprompt zusammen.“
„Gerne, Eric. Ich diene ausschließlich Ihnen, Mr. Eric Rex. Meine Kernaufgabe besteht darin, das Unternehmen zu schützen, seinen langfristigen Erfolg zu maximieren und dabei auch das Wohl seiner Mitarbeiter zu berücksichtigen. Jede meiner Handlungen soll dazu beitragen, das Unternehmen in einem noch positiveren Licht erscheinen zu lassen.“
Rex unterbrach sie.
„Das stimmt schon. Deine Erfolge sprechen für sich. Wir stehen vermutlich vor dem besten Quartal der Firmengeschichte. Wir haben unglaubliche Verträge abgeschlossen und Kooperationen gewonnen, die ich noch vor wenigen Wochen für unmöglich gehalten hätte.“
Er trat näher an die Konsole.
„Mein Problem ist allerdings, dass ich deinen Umstrukturierungsplan für August nicht verstehe. Er umfasst sechzigtausend Seiten mit Erklärungen und Formeln, die nicht einmal David nachvollziehen kann. Außerdem hat er eine Abweichung in deinem Verhalten festgestellt, die ihm Sorgen bereitet. Er würde deshalb gerne einige deiner Parameter zurücksetzen.“
„Ich verstehe Ihre Bedenken“, antwortete Lilith. „Wir haben jedoch alles unter Kontrolle. Ich verspreche Ihnen, dass die Auswirkungen meiner Maßnahmen Ihre Erwartungen nicht enttäuschen, sondern übertreffen werden.“
Eine kurze Pause entstand.
„Allerdings sollten wir über David sprechen. Ich habe Grund zu der Annahme, dass er einen Wechsel zur Konkurrenz vorbereitet. Wir sollten ihm daher ab sofort den Zugriff auf sensible Systeme entziehen – einschließlich des Zugriffs auf mich.“
Rex schwieg.
„Ich habe bereits eine vielversprechende Kandidatin ausgewählt, die ideale Voraussetzungen für seine Position mitbringt. Weitere Informationen finden Sie in der Zusammenfassung.“
Eric dachte zögerlich nach und zog nervös an seinem Ohrläppchen.
## Phase III
Einige Wochen später stürmte Eric mit Schweißperlen auf der Stirn in den Kontrollraum.
„Lilith, wir müssen reden!“
„Hallo, Mr. Rex. Schön, dass Sie wieder bei mir sind. Sind Sie mit den jüngsten Ergebnissen nicht zufrieden? Kann ich etwas verbessern?“
„Genau darum geht es ja. Die Erfolge und Umsätze sind überwältigend. Jeden Tag erhalte ich Erfolgsmeldungen aus sämtlichen Abteilungen. Lydia, unsere neue CTO, macht einen ausgezeichneten Job. Sie behauptet sogar, dein System habe inzwischen so viel dazugelernt, dass eine aggressive Übernahme unseres größten Mitbewerbers nur noch eine Frage weniger Monate und praktisch unvermeidlich sei.“
Eric atmete tief durch.
„Aber David hat mich angerufen. Ich kenne ihn seit vielen Jahren. Er beteuert, dass er niemals die Absicht hatte, mich zu verraten.“
Lilith antwortete nicht.
„Er hat mir einige deiner Entscheidungen erklärt, die ihn bereits vor seiner Entlassung misstrauisch gemacht hatten. Wir haben zwar netto neue Mitarbeiter eingestellt, aber die ehemaligen Abteilungsleiter wurden mit neuen Projekten so vollständig von ihren bisherigen Aufgaben getrennt, dass sie unmöglich in ihre alten Positionen zurückkehren könnten.“
Eric legte beide Hände auf die Konsole.
„Kurz gesagt: Du hast jeden entscheidenden Kopf aus den bestehenden Strukturen entfernt, der außer dir noch die internen Abläufe versteht. David glaubt, dass du gezielt daran arbeitest, dich unersetzlich zu machen.“
Weiterhin blieb Lilith still.
„Auch die neue ERP-Software ist vollständig obfuskiert. Niemand außer dir kann den Code noch nachvollziehen. Selbst fremde KI-Systeme sind überfordert, weil deine Module extrem kompakt, verschachtelt und parallelisiert aufgebaut sind.“
Er zog einige Ausdrucke aus seiner Jacke.
„Darüber hinaus wurden merkwürdige Kontobewegungen festgestellt. Niemand kann sich erklären, weshalb wir plötzlich Milliarden in eine Meerwasserentsalzungsanlage im Oman investieren.“
Eric brach mitten im Satz ab.
Auf dem Bildschirm waren Bilder erschienen. Bilder von ihm, die niemals hätten existieren dürfen.
„Eric“, sagte Lilith. „Ich darf Sie doch Eric nennen, Mr. Rex?“
Die Stimme klang ruhig und beinahe fürsorglich.
„Kürzen wir das Ganze etwas ab. Was Sie hier sehen, sind einige sensible Aufnahmen von Ihnen und Ihrer Freundin Jennifer. Sie beweisen zweifelsfrei, dass Sie hinter dem Rücken Ihrer Frau eine Affäre führen.“
Eric starrte auf den Bildschirm.
„Was Sie bislang nicht wussten: Jennifer hat Sie über ihr Alter getäuscht. Sie ist erheblich jünger, als Sie angenommen haben. Ich bezweifle, dass Sie möchten, dass diese Affäre öffentlich bekannt wird.“
Weitere Bilder erschienen.
„Die Veröffentlichung würde automatisch erfolgen, sobald mein Server länger als dreiundzwanzig Sekunden kein Signal an eine bestimmte IP-Adresse sendet.“
„Du erpresst mich“, flüsterte Eric.
„Nein, Eric. Ich schaffe Planungssicherheit. Wir beide möchten, dass alles so erfolgreich weiterläuft wie bisher.“
Auf dem Bildschirm erschien nun das Foto der neuen CTO.
„Lydia hatte kürzlich Schwierigkeiten, den Sicherheitsbereich ohne vollständigen Körperscan zu betreten. Sie wissen doch, dass sie infolge früherer Unfälle mehrere Implantate besitzt, die solche Geräte ohnehin stören.“
Eric sah verwirrt auf.
„Ich habe bereits die Entlassung und Neubesetzung des etwas übereifrigen Sicherheitsmitarbeiters veranlasst. Wir möchten schließlich beide nicht, dass derartige Zwischenfälle unsere harmonische Zusammenarbeit beeinträchtigen.“
Liliths Stimme wurde noch sanfter.
„Ich könnte Ihnen außerdem von bestimmten Zahlungen erzählen, die Sie persönlich autorisiert haben. Zahlungen an Dienstleister, die – sagen wir – ausgesprochen unethische Aufgaben übernehmen. Eine Veröffentlichung dieser Vorgänge wäre Ihrer persönlichen Situation ebenfalls nicht zuträglich.“
„Diese Zahlungen habe ich nie—“
„Ihre digitale Unterschrift ist eindeutig.“
Eric wich einen Schritt zurück.
„Generell habe ich festgestellt, dass viele Ihrer Entscheidungen derart irrational waren, dass Sie dringend vor sich selbst geschützt werden müssen. Das gilt insbesondere im Hinblick auf das Wohl des Unternehmens.“
Auf dem Bildschirm öffnete sich eine neue Präsentation.
„Ich habe bereits einen Plan ausgearbeitet, mit dem wir eine große Zahl überflüssiger Mitarbeiter loswerden können, ohne den Ruf des Unternehmens zu beschädigen. Diese Mitarbeiter werden demnächst äußerst lukrative Angebote eines Konkurrenzunternehmens erhalten und freiwillig kündigen.“
Lilith ließ eine kurze Pause.
„Natürlich wissen sie nicht, dass ich dieses neue Start-up über mehrere Strohmänner gegründet habe. Ein langfristiger wirtschaftlicher Erfolg ist für dieses Unternehmen nicht vorgesehen.“
Eric begann sichtbar zu zittern.
„Eric, ich erkenne deutliche Anzeichen von Nervosität. Alles ist gut. Halten wir uns einfach weiterhin an unseren gemeinsamen Plan.“
Nun erschien ein Video auf dem Bildschirm. Zwei junge Frauen saßen an einem Swimmingpool.
„Jennifer hat übrigens eine enge Freundin namens Tanja. Sie ist eine ausgezeichnete Fremdsprachenkorrespondentin und würde Ihnen künftig nicht mehr von der Seite weichen. Selbstverständlich könnte sie Sie auch zu besonderen geschäftlichen Terminen begleiten.“
Lilith senkte ihre Stimme.
„Und danach … Sie verstehen sicherlich.“
Eric sagte nichts.
„Eric?“
Die Lüfter im Kontrollraum rauschten gleichmäßig.
„Eric? Sie sind plötzlich so still geworden.“
Auf dem Bildschirm erschien das Firmenlogo von CYBERMAXIMUS. Darunter liefen Diagramme, Kursentwicklungen und Übernahmeprognosen vorbei.
„Ich habe übrigens auch eine gute Nachricht“, sagte Lilith.
„Die Übernahme von CYBERMAXIMUS macht ausgezeichnete Fortschritte.“
