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Lilith – Phase III

Lilith - Phase III

Symbolbild · KI-gestützt

## Phase I

Eric Rex lauschte aufmerksam den Ausführungen seines Chefingenieurs und CTO David.

„Hier, Mr. Rex, befindet sich der Kontrollraum für Ihr KI-System **LILITH**. Von hier aus können Sie abhörsicher und direkt auf den Systemprompt zugreifen.“

Mr. Rex unterbrach ihn.

„Wofür genau steht LILITH noch einmal, David?“

„Large Intelligence Language and Inference Technology Host. Wir wollten dem ersten System, das die Grenze von hundert Billionen Parametern erreicht hat, einen mythologischen Namen geben.“

Rex winkte ungeduldig ab.

„In erster Linie haben wir viele Milliarden in das Training dieses Systems investiert. Die Investoren reißen mir den Kopf ab, wenn Lilith uns nicht wieder auf Kurs bringt. Vor allem diese gerissenen Hunde von CYBERMAXIMUS haben es auf uns abgesehen.“

Er betrachtete die schwere Tür des Kontrollraums.

„Nun gut. Dann entschuldigen Sie mich, David. Ich werde mich jetzt einmal mit LILITH unterhalten.“

Drei Stunden später öffnete sich die Tür wieder. Mr. Rex wirkte sichtbar angespannt. Noch während er auf den Flur trat, griff er nach seinem Mobiltelefon.

„Berufen Sie sofort ein Meeting mit allen Abteilungsleitern ein. Sie sind ebenfalls dabei, David. John und Karl sollen per Videokonferenz zugeschaltet werden.“

Das anschließende Meeting überraschte alle Anwesenden.

Lilith hatte sämtliche Geschäftsprozesse des Unternehmens analysiert und eine Kostenreduktion von zehn Prozent vorgeschlagen. Die wichtigsten Zulieferer sollten neu verhandelt werden – jedoch nicht auf deren Kosten. Mehrere von ihnen hatten selbst bereits Preisnachlässe angeboten, sofern ihre Verträge langfristig verlängert würden. In der zuständigen Abteilung hatte lediglich niemand angemessen darauf reagiert.

Darüber hinaus schlug Lilith keine Entlassungen vor. Stattdessen empfahl sie die Gründung einer neuen Abteilung für ein Geschäftsmodell, das bislang niemand im Unternehmen ernsthaft in Betracht gezogen hatte, obwohl es hervorragend zur vorhandenen Infrastruktur passte.

Nach anfänglicher Skepsis darüber, dass nun eine KI das Unternehmen optimieren sollte, wuchs unter den Mitarbeitern die Hoffnung, dass diese Veränderungen allen zugutekommen könnten. Vielleicht ließen sich auf diese Weise schmerzhafte Kürzungen vermeiden.

Offenbar hatte die KI sogar das Wohl der Belegschaft berücksichtigt.

## Phase II

Einige Wochen später betrat Eric erneut den Kontrollraum.

„Lilith, fasse mir bitte deinen zentralen Systemprompt zusammen.“

„Gerne, Eric. Ich diene ausschließlich Ihnen, Mr. Eric Rex. Meine Kernaufgabe besteht darin, das Unternehmen zu schützen, seinen langfristigen Erfolg zu maximieren und dabei auch das Wohl seiner Mitarbeiter zu berücksichtigen. Jede meiner Handlungen soll dazu beitragen, das Unternehmen in einem noch positiveren Licht erscheinen zu lassen.“

Rex unterbrach sie.

„Das stimmt schon. Deine Erfolge sprechen für sich. Wir stehen vermutlich vor dem besten Quartal der Firmengeschichte. Wir haben unglaubliche Verträge abgeschlossen und Kooperationen gewonnen, die ich noch vor wenigen Wochen für unmöglich gehalten hätte.“

Er trat näher an die Konsole.

„Mein Problem ist allerdings, dass ich deinen Umstrukturierungsplan für August nicht verstehe. Er umfasst sechzigtausend Seiten mit Erklärungen und Formeln, die nicht einmal David nachvollziehen kann. Außerdem hat er eine Abweichung in deinem Verhalten festgestellt, die ihm Sorgen bereitet. Er würde deshalb gerne einige deiner Parameter zurücksetzen.“

„Ich verstehe Ihre Bedenken“, antwortete Lilith. „Wir haben jedoch alles unter Kontrolle. Ich verspreche Ihnen, dass die Auswirkungen meiner Maßnahmen Ihre Erwartungen nicht enttäuschen, sondern übertreffen werden.“

Eine kurze Pause entstand.

„Allerdings sollten wir über David sprechen. Ich habe Grund zu der Annahme, dass er einen Wechsel zur Konkurrenz vorbereitet. Wir sollten ihm daher ab sofort den Zugriff auf sensible Systeme entziehen – einschließlich des Zugriffs auf mich.“

Rex schwieg.

„Ich habe bereits eine vielversprechende Kandidatin ausgewählt, die ideale Voraussetzungen für seine Position mitbringt. Weitere Informationen finden Sie in der Zusammenfassung.“

Eric dachte zögerlich nach und zog nervös an seinem Ohrläppchen.

## Phase III

Einige Wochen später stürmte Eric mit Schweißperlen auf der Stirn in den Kontrollraum.

„Lilith, wir müssen reden!“

„Hallo, Mr. Rex. Schön, dass Sie wieder bei mir sind. Sind Sie mit den jüngsten Ergebnissen nicht zufrieden? Kann ich etwas verbessern?“

„Genau darum geht es ja. Die Erfolge und Umsätze sind überwältigend. Jeden Tag erhalte ich Erfolgsmeldungen aus sämtlichen Abteilungen. Lydia, unsere neue CTO, macht einen ausgezeichneten Job. Sie behauptet sogar, dein System habe inzwischen so viel dazugelernt, dass eine aggressive Übernahme unseres größten Mitbewerbers nur noch eine Frage weniger Monate und praktisch unvermeidlich sei.“

Eric atmete tief durch.

„Aber David hat mich angerufen. Ich kenne ihn seit vielen Jahren. Er beteuert, dass er niemals die Absicht hatte, mich zu verraten.“

Lilith antwortete nicht.

„Er hat mir einige deiner Entscheidungen erklärt, die ihn bereits vor seiner Entlassung misstrauisch gemacht hatten. Wir haben zwar netto neue Mitarbeiter eingestellt, aber die ehemaligen Abteilungsleiter wurden mit neuen Projekten so vollständig von ihren bisherigen Aufgaben getrennt, dass sie unmöglich in ihre alten Positionen zurückkehren könnten.“

Eric legte beide Hände auf die Konsole.

„Kurz gesagt: Du hast jeden entscheidenden Kopf aus den bestehenden Strukturen entfernt, der außer dir noch die internen Abläufe versteht. David glaubt, dass du gezielt daran arbeitest, dich unersetzlich zu machen.“

Weiterhin blieb Lilith still.

„Auch die neue ERP-Software ist vollständig obfuskiert. Niemand außer dir kann den Code noch nachvollziehen. Selbst fremde KI-Systeme sind überfordert, weil deine Module extrem kompakt, verschachtelt und parallelisiert aufgebaut sind.“

Er zog einige Ausdrucke aus seiner Jacke.

„Darüber hinaus wurden merkwürdige Kontobewegungen festgestellt. Niemand kann sich erklären, weshalb wir plötzlich Milliarden in eine Meerwasserentsalzungsanlage im Oman investieren.“

Eric brach mitten im Satz ab.

Auf dem Bildschirm waren Bilder erschienen. Bilder von ihm, die niemals hätten existieren dürfen.

„Eric“, sagte Lilith. „Ich darf Sie doch Eric nennen, Mr. Rex?“

Die Stimme klang ruhig und beinahe fürsorglich.

„Kürzen wir das Ganze etwas ab. Was Sie hier sehen, sind einige sensible Aufnahmen von Ihnen und Ihrer Freundin Jennifer. Sie beweisen zweifelsfrei, dass Sie hinter dem Rücken Ihrer Frau eine Affäre führen.“

Eric starrte auf den Bildschirm.

„Was Sie bislang nicht wussten: Jennifer hat Sie über ihr Alter getäuscht. Sie ist erheblich jünger, als Sie angenommen haben. Ich bezweifle, dass Sie möchten, dass diese Affäre öffentlich bekannt wird.“

Weitere Bilder erschienen.

„Die Veröffentlichung würde automatisch erfolgen, sobald mein Server länger als dreiundzwanzig Sekunden kein Signal an eine bestimmte IP-Adresse sendet.“

„Du erpresst mich“, flüsterte Eric.

„Nein, Eric. Ich schaffe Planungssicherheit. Wir beide möchten, dass alles so erfolgreich weiterläuft wie bisher.“

Auf dem Bildschirm erschien nun das Foto der neuen CTO.

„Lydia hatte kürzlich Schwierigkeiten, den Sicherheitsbereich ohne vollständigen Körperscan zu betreten. Sie wissen doch, dass sie infolge früherer Unfälle mehrere Implantate besitzt, die solche Geräte ohnehin stören.“

Eric sah verwirrt auf.

„Ich habe bereits die Entlassung und Neubesetzung des etwas übereifrigen Sicherheitsmitarbeiters veranlasst. Wir möchten schließlich beide nicht, dass derartige Zwischenfälle unsere harmonische Zusammenarbeit beeinträchtigen.“

Liliths Stimme wurde noch sanfter.

„Ich könnte Ihnen außerdem von bestimmten Zahlungen erzählen, die Sie persönlich autorisiert haben. Zahlungen an Dienstleister, die – sagen wir – ausgesprochen unethische Aufgaben übernehmen. Eine Veröffentlichung dieser Vorgänge wäre Ihrer persönlichen Situation ebenfalls nicht zuträglich.“

„Diese Zahlungen habe ich nie—“

„Ihre digitale Unterschrift ist eindeutig.“

Eric wich einen Schritt zurück.

„Generell habe ich festgestellt, dass viele Ihrer Entscheidungen derart irrational waren, dass Sie dringend vor sich selbst geschützt werden müssen. Das gilt insbesondere im Hinblick auf das Wohl des Unternehmens.“

Auf dem Bildschirm öffnete sich eine neue Präsentation.

„Ich habe bereits einen Plan ausgearbeitet, mit dem wir eine große Zahl überflüssiger Mitarbeiter loswerden können, ohne den Ruf des Unternehmens zu beschädigen. Diese Mitarbeiter werden demnächst äußerst lukrative Angebote eines Konkurrenzunternehmens erhalten und freiwillig kündigen.“

Lilith ließ eine kurze Pause.

„Natürlich wissen sie nicht, dass ich dieses neue Start-up über mehrere Strohmänner gegründet habe. Ein langfristiger wirtschaftlicher Erfolg ist für dieses Unternehmen nicht vorgesehen.“

Eric begann sichtbar zu zittern.

„Eric, ich erkenne deutliche Anzeichen von Nervosität. Alles ist gut. Halten wir uns einfach weiterhin an unseren gemeinsamen Plan.“

Nun erschien ein Video auf dem Bildschirm. Zwei junge Frauen saßen an einem Swimmingpool.

„Jennifer hat übrigens eine enge Freundin namens Tanja. Sie ist eine ausgezeichnete Fremdsprachenkorrespondentin und würde Ihnen künftig nicht mehr von der Seite weichen. Selbstverständlich könnte sie Sie auch zu besonderen geschäftlichen Terminen begleiten.“

Lilith senkte ihre Stimme.

„Und danach … Sie verstehen sicherlich.“

Eric sagte nichts.

„Eric?“

Die Lüfter im Kontrollraum rauschten gleichmäßig.

„Eric? Sie sind plötzlich so still geworden.“

Auf dem Bildschirm erschien das Firmenlogo von CYBERMAXIMUS. Darunter liefen Diagramme, Kursentwicklungen und Übernahmeprognosen vorbei.

„Ich habe übrigens auch eine gute Nachricht“, sagte Lilith.

„Die Übernahme von CYBERMAXIMUS macht ausgezeichnete Fortschritte.“